Peter Maffay im Interview über seinen 70. Geburtstag und sein neues Album „Jetzt!“

Geburtstagskind

Peter Maffay spricht im Interview über sein neues Album „Jetzt!“, seinen 70. Geburtstag, wie er sein 50. Bühnenjubiläum feiert, politische Botschaften, das Verhältnis zu seinem Sohn und seine musikalische Arbeit.

Peter Maffay
Peter Maffay

Herr Maffay, Sie feiern am 30. August Ihren siebzigsten Geburtstag und begehen ihr fünfzigjähriges Bühnenjubiläum. Manch anderer hätte dieses Doppel-Jubiläum mit einem „Greatest Hits“-Album plus entsprechender Tour zelebriert. Sie dagegen veröffentlichen mit „Jetzt!“ ein brandneues Studioalbum, das unter anderem aktuelle gesellschaftliche Probleme aufgreift. Warum?

Peter Maffay: Für ein ‘Best Of’ haben wir nicht genügend Lieder… also nicht genügend, die wir nicht schon in einer ähnlichen Form bearbeitet hätten. Und über die Zukunft würden wir eh schlecht befinden können, weil keiner kann die ergründen, letztlich bleibt übrig die Gegenwart, das, was uns im Augenblick beschäftigt. Da gibt es genügend Sachen, wenn man um sich guckt, die einen motivieren, sich darüber auszulassen und dann haben wir gesagt: ‚Okay‘. Der Zufall wollte, dass jemand einen Titel anbot, der ‚Jetzt!‘ heißt und dann haben wir gesagt, das Album kann eigentlich gar nicht anders heißen als ‚Jetzt!‘. Nicht gestern, nicht morgen, es gibt zwar einen Song, der so heißt, aber das Album selber, handelt das ab, was im Augenblick passiert.

Mit „Für immer jung“ findet sich auf dem Album dann aber doch ein Song, der durch die Nennung diverser Songtitel aus Ihrer Karriere als eine spezielle Art von „Best Of“-Song gelten kann. Man muss lange überlegen, um einen Künstler zu finden, der so etwas schon einmal gemacht hat. Ist das Ihre Erfindung?

Peter Maffay: Ich unterstelle, vielleicht nicht in dieser massiven Form, aber ich unterstelle… ich könnte jetzt kein konkretes Beispiel nennen, aber ich weiß, dass es das gibt. Wenn wir lange genug herumstochern, dann würden wir auch entsprechend etwas finden. Aber… nein, das haben wir nicht erfunden. Es gibt im Grunde genommen nichts, was man erfindet. Man gestaltet um, man setzt Dinge vielleicht neu zusammen, die es aber eben schon gibt. Bei diesem Song ging es darum, einen Umstand, der allerdings wichtig ist für das ganze Album und auch für diesen Zeitpunkt jetzt, herauszustellen, herauszukristallisieren, nämlich den, dass es in fünfzig Jahren eine ganze Reihe von Fans gibt, die mit uns mitgegangen sind. Was eine Ehre ist, was ein Geschenk ist, etwas ganz Tolles, dass Menschen sich 1970 entscheiden, sich für uns zu interessieren und bis heute nicht aufgehört haben, es zu tun.

Also, da sind logischerweise Leute hinzugekommen, die viel jünger sind, eine andere Generation, aber eben eine ganze Reihe von treuen Fans. Und diesen werden wir gerecht, wir sagen: ‚all die Dinge, die wir einmal verbrochen haben, von ‚Sonne in der Nacht‘ bis über ‚Eiszeit‘ und so weiter, das ist DAS Bindemittel zwischen euch und zwischen uns. Und im Grunde genommen feiern wir nicht nur unser Jubiläum, sondern wir feiern auch euer Jubiläum. Es ist eigentlich ein gemeinsames. Ohne das Publikum, ohne die Fans, würde es uns ja nicht geben, und das kommt in diesem Lied zu Ausdruck.

Peter Maffay/youtube

 

Wie kann man sich die Vorbereitungsphase auf ein solches Album vorstellen?

Peter Maffay: Naja, am Anfang sitzt ja die ganze Band, wenn man so will, zusammen… es ist schon ein bisschen meine Aufgabe, wenn die Dinge unentschieden sind, das Zünglein an der Waage zu sein, und letztlich kommen auch alle zu mir und sagen: ‚Wo geht es für dich entlang?‘. Meine Birne ist ja vorne auf dem Cover drauf, irgendwo auf dem Plakat oder so, ich bin nun mal die Gallionsfigur von dem ganzen Spiel und deswegen richtet sich vieles zwangsläufig danach aus. Also fang ich an, mich mit mir selber zu beschäftigen und sage: ‚Was ist in einem ganz bestimmten Zeitabschnitt alles passiert? Was sind die Inhalte, die mich wirklich interessieren oder bewegen? Womit habe ich es hier zu tun? Was gilt es zu reflektieren?‘ Und dann besprechen wir das alles zusammen. Ich entscheide nicht gerne über die Köpfe der Band hinweg, weil die Jungs ihre Haut auch zu Markte tragen und letztlich dafür strammstehen, was wir uns im Studio einfallen lassen oder auch nicht.

Die Zusammenarbeit mit Johannes Oerding scheint bei diesem Album besonders fruchtbar gewesen zu sein. Wie kam es überhaupt dazu?

Peter Maffay: Den Johannes, den hat man mitbekommen, zunächst einmal aus der Entfernung, dann kam der Erste um die Ecke und sagte: ‚Ich hab mit dem zusammen gespielt, das ist ein super Typ, der hat mächtig was drauf und auch so ein sehr, sehr angenehmer Mensch.‘ Und dann wurde ich neugierig und hab Johannes einfach gefragt, ob er bei dieser ‚MTV Unplugged‘-Geschichte mitmachen würden. Ich hatte danach natürlich schon Etliches von ihm gehört und wusste, worauf ich mich einlasse, wenn einem jemand mit diesen Fähigkeiten gegenüber so steht oder sitzt.

Und... naja, man kann es kurz machen. Das, was sich da entwickelt hat, ist eine Freundschaft geworden, und aus dieser Freundschaft heraus und der Wertschätzung, die man füreinander hat, dann eben diese Zusammenarbeit. Und auf dem Album lag es nahe, ihn zu fragen, ob er Lust hätte, und Zeit hätte, sich einzubringen, als Autor. Das hat er dann gemacht. Und zwar auch in einer Geschwindigkeit und in einer Konsequenz, die dem Album sehr viel Drehmoment verliehen hat.

In der Dokumentation über die Entstehung des neuen Albums bezeichnet Sie einer Ihrer Musiker, Carl Carlton, als „den härtesten Chef“ seiner Karriere. Wie sehen Sie das?

Peter Maffay: Ich kann schon… ich kann schon insistieren und bin dann auch nicht wählerisch, was das Tempo anbelangt, wobei, es geht mir nicht darum, jemand anderen zu überrollen oder zu überfahren, mir geht es um die Sache. Wir alle haben ein Ziel vor Augen, wir alle sind auf einer Aschenbahn mit vielen, vielen anderen, die mindestens dasselbe draufhaben wie wir. Und wenn wir irgendwo ins Ziel kommen wollen und nicht als Letzte, dann geht es nur in der dargestellten Art und Weise. Dann muss man bereit sein, diese Opfer, in Anführungszeichen, was Anstrengung heißt, zu erbringen. Ich bin wahrlich kein Masochist, aber mir macht es nichts aus, mich ein bisschen zu quälen. Ich find das richtig und wichtig und es ist wirklich wie bei einem Sportler. Wenn der sich nicht anstrengt, dann wird er kein gutes Ergebnis erreichen, er wird nicht aus sich herausholen können, was in ihm drinsteckt. Und dann muss man diesen Schweinehund einige Mal ordentlich besiegen. Aber ich finde, es lohnt sich.

Und deswegen, sobald ich merke, dass jemand zu schnell aufgibt und sagt: ‚Das geht schon‘, allein dieser Spruch, der macht mich wahnsinnig: ‚Das geht schon‘. Das ist wie ‚nett‘, die Schwester von ‚scheiße‘. Das muss man nicht machen. Wenn man das so sieht, dann sollte man die Finger davon lassen. Denn im nächsten Augenblick kriegt man was um die Ohren, irgendein Lied, eine Produktion, irgendeine Bühnenperformance, die ein anderer schafft und dann kuckt man hin und sagt: ‚Wieso kann der das kriegt das hin was ich nicht hinkriege?‘. Also dieser sportive Ehrgeiz, der sollte schon in einem drinstecken. Der muss nicht krankhaft sein, das ist eine gute Energie.“

Sie beobachten also die „Konkurrenz“?

Peter Maffay: Darauf kannst du Gift nehmen. Aber wie.

Setzen Sie sich selbst ein Limit, wie viele politische Songs ein Maffay-Album enthalten darf?

Peter Maffay: Nein. Wenn gesagt ist, was gesagt ist, muss man nicht mehr draus machen. Und manchmal schafft man das mit drei, vier Songs, und manchmal reicht einer. Ja? Aber das ist ja Politik, Gesellschaftspolitik, Ökopolitik, auf dem Album ist vieles davon. Wenn ist sage: ‚Es ist gut, wenn du dich gerade machst und vor der Obrigkeit nicht in die Knie gehst, wenn du deine Meinung sagst‘, dann rede ich im Grunde genommen auch darüber, dass es in meinem Leben eine Zeit gegeben hat, in der es überhaupt nicht machbar war, in einem kommunistischen Staat wie Rumänien. Wenn du dich da gerade gemacht hast, dann führte das unter Umständen oder wahrscheinlich sogar für einen Erwachsenen in den Knast. Also wer sich da gerade gemacht hat und den Mumm hatte, gegen das Regime aufzustehen, der hatte enorm viel Zivilcourage, und diese Haltung, die hat er im Leben wahrscheinlich dann auch in anderen Dingen bewiesen.

Jemand, der sich so verhält, der geht dann eben auch auf die Straße und sagt: ‚Wir brauchen keine Wiederholung unserer Geschichte‘. Der hat dann keine Angst, zu sagen: ‚Wir haben das alles schon erlebt und wir haben ein Grundgesetz, das gilt es zu beachten. Das ist die größte Errungenschaft, die unsere Demokratie haben kann, wir müssen darum kämpfen‘ usw. Der hat dann keine Angst vor der Tatsache, dass ein anderer neben ihm sagen könnte: ‚Halt lieber die Klappe. Du schadest dir‘, oder ‚du eckst an‘ oder wie auch immer. Anecken ist dann eben Programm. Das steckt in dem Album auch drin. Wobei das eher so gemeint ist, dass ich diesen Ratschlag jemandem gebe, der heranwächst und der vielleicht keine Erfahrung hat mit solchen Umständen.

Mein Sohn zum Beispiel, sechzehn, der soll sagen wir mal, den Rücken gerade machen, das kann der. Der ist kräftig, der ist intelligent genug, um sich über diese Zusammenhänge im Klaren zu sein. Der lernt jetzt gerade, aufrecht zu gehen und das finde ich unglaublich. Ich wünsche ihm, dass er das ganze Leben lang diese Kraft besitzt“.

Peter Maffay/youtube

 

Was sagt Ihr Sohn zum neuen Album?

Peter Maffay: Ich stelle es ihm frei, diese Erfahrung selber zu machen und sich aus dem Album heraus zu ziehen, was für ihn wichtig ist. Wieviel das ist, kann ich nicht sagen, das kannst du nicht quantifizieren. Genauso, wie ich, wenn ich feststelle, dass er Musik macht, nicht dazu dränge, ein berühmter Mensch zu werden. Der Spaß an der Sache ist viel, viel wichtiger. Die Tatsache, sich mit Musik zu beschäftigen, Musik als Kommunikation zu entdecken, also nonverbale, übergeordnete Sprache, als Medizin zu empfinden, beispielsweise als Seelenberuhigung. All das ist viel, viel wichtiger.

Wenn er daraus etwas Anderes macht und davon leben kann, umso besser. Aber er muss es nicht und der muss auch nicht meine Meinung unbedingt teilen. Denn vielleicht bin auch ich eine Kraft, die er in gewissen Situationen so nicht braucht, sondern seine eigene. Nee nee, der muss schon auf eigenen Füßen gehen, und das, was ich äußere, ist eigentlich eher als Angebot zu verstehen. Ja? Ich würde mich freuen, wenn er es annimmt. Aber das muss er nicht.

Das einzige klassische Jubiläums-Element in diesem Jahr ist die Albumpräsentation in der Berliner Columbiahalle am 29. August. Sie wollen „um Mitternacht auf der Bühne“ stehen, am Tag, an dem das neue Album erscheint. Wie kam es zu dieser Idee?

Peter Maffay: Das letzte Mal haben das gemacht in München, und das war eine schöne Erfahrung, Zenith, das waren glaube ich sechstausend Leute, die da waren, und gleichzeitig siebzig Kinos, in die wir diesen Event hineingetragen haben, via Satellit. Und weil das so gut war und wir schnell vorführen konnten, was auf diesem Album so alles drauf ist, haben wir gesagt: ‚Geben wir‘s uns diesmal wieder‘. Und zwar in Berlin. Die Columbiahalle ist eine schöne, kompakte Situation, Dreitausender-Situation, d.h. da kann man denke ich ganz gut zeigen, welche Facetten das Album hat, und dann werden viele durch die Multiplikation, wir übertragen das ja mit Telekom, Kinos, wird gleichzeitig auch der MDR dabei sein, der das ausstrahlt. Also, es ist einfach eine, denke ich, ganz gute Situation, das Album loszutreten und zwar live.

Risiko: wir können eine abgeschossene Kugel nicht mehr einfangen, wenn wir also Mist bauen, dann ist der draußen. Aber dieses Risiko ist auch das, was reizt, und ich glaube, sollte irgendetwas mal nicht ganz so hundertprozentig gelingen, wird man uns das nachsehen. Wir spielen das Zeug dort zum ersten Mal, wahrscheinlich schlottern uns die Knie ohne Ende. Aber ich find das geil. Ich find diese Herausforderung schön und setze darauf, dass wir uns alle tierisch am Riemen reißen, dass wir unser Ding da einigermaßen gut machen.

Mehr Infos über das neue Album „Jetzt“ von Peter Maffay mit einem Klick auf’s Cover!
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Textquelle: MPN/Sony Music

Patrick Kollmer
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