Für Marius Borg Høiby beginnt der Prozess praktisch von vorn: Das Berufungsgericht Borgarting lagmannsrett hat am 10. September 2026 die komplette Berufung des Sohnes von Königin Mette-Marit zugelassen. Verhandelt werden erneut die Schuldfrage und das Strafmaß – das Urteil über vier Jahre Haft ist damit wieder offen.
Die Entscheidung fiel nur einen Tag nach dem Staatsbegräbnis für König Harald V., der am 28. August 2026 im Alter von 89 Jahren gestorben war. Für das norwegische Königshaus ist die Nachricht damit ein weiterer Belastungstest in einer ohnehin außergewöhnlichen Woche.
Berufungsgericht lässt alle Punkte zu
Borgarting lagmannsrett ist das größte Berufungsgericht Norwegens. Es teilte mit, dass sowohl der „skyldspørsmålet“ – die Schuldfrage – als auch die Strafzumessung neu geprüft werden. Damit wird der Fall nicht nur nachjustiert, sondern in seinen Kernpunkten komplett neu aufgerollt.
Høibys Verteidiger Petar Sekulic reagierte knapp. Der Nachrichtenagentur NTB teilte er per SMS mit:
„Das war zu erwarten, und wir sind natürlich zufrieden mit der Entscheidung des Berufungsgerichts.“
Petar Sekulic, Verteidiger von Marius Borg Høiby, laut NTB
Nach Angaben der norwegischen Zeitung „VG“ hält sich Høiby in drei Punkten für unschuldig verurteilt – das betrifft zwei Vergewaltigungen sowie die Misshandlung in einer nahen Beziehung zum Nachteil seiner Ex-Freundin Nora Haukland, die sich in Norwegen mehrfach öffentlich zu dem Fall geäußert hat.
Die Staatsanwaltschaft hatte sich gegen eine vollständige Neuverhandlung ausgesprochen. Staatsanwalt Sturla Henriksbø erklärte laut „Aftenposten“, die Berufung werde „auf Grundlage in etwa derselben Beweise“ behandelt wie in der ersten Instanz. Ein Termin für die Verhandlung steht noch nicht fest; „Aftenposten“ berichtet von einer angesetzten Verfahrensdauer von rund vier Wochen.

Das Urteil der ersten Instanz
Am 15. Juni 2026 hatte das Bezirksgericht Oslo den 29-Jährigen zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Gericht sah ihn in 34 von 40 Anklagepunkten als schuldig an. Dazu zählten unter anderem:
- zwei Vergewaltigungen, jeweils an schlafenden Frauen
- Misshandlung in einer nahen Beziehung
- Körperverletzung und Sachbeschädigung
- Verstöße gegen Kontaktverbote
- Verkehrsdelikte
- der Transport von 3,5 Kilogramm Marihuana
- heimlich angefertigte Foto- und Videoaufnahmen
In sechs Punkten wurde Høiby freigesprochen, darunter zwei weitere Vergewaltigungsvorwürfe – einer bezog sich auf einen Surfurlaub auf den Lofoten, einer auf einen Hotelaufenthalt in Oslo. Vier Frauen, unter ihnen zwei Ex-Freundinnen, wurden Entschädigungen zugesprochen.
Auffällig ist der Abstand zwischen Forderung und Urteil: Die Staatsanwaltschaft hatte sieben Jahre und sieben Monate beantragt, die Verteidigung einen Freispruch von den Vergewaltigungsvorwürfen und höchstens eineinhalb Jahre Haft. Das Gericht landete mit vier Jahren dazwischen.
Chronologie des Verfahrens
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 03.02.2026 | Prozessbeginn am Bezirksgericht Oslo |
| 15.06.2026 | Urteil: vier Jahre Haft, Schuldspruch in 34 von 40 Punkten |
| 13.07.2026 | Gerichtstermin zur Verlängerung der Untersuchungshaft |
| 28.08.2026 | König Harald V. stirbt mit 89 Jahren |
| 09.09.2026 | Staatsbegräbnis in Oslo |
| 10.09.2026 | Borgarting lagmannsrett lässt die komplette Berufung zu |
Untersuchungshaft mit Fußfessel auf Skaugum
Høiby sitzt weiter in Untersuchungshaft – allerdings unter besonderen Bedingungen. Nach Angaben der Zeitung „Dagsavisen“ hat er inzwischen mehr als 200 Tage in Untersuchungshaft beziehungsweise unter elektronischer Kontrolle mit Fußfessel auf dem Kronprinzengut Skaugum verbracht. Die Haft wird in Vier-Wochen-Intervallen verlängert; Beschwerden dagegen wies das Berufungsgericht zuletzt ab.
Bilder vom Staatsbegräbnis zeigen, dass Høiby am 9. September am Trauerzug von der Schlosskapelle zum Osloer Dom teilnehmen durfte – gemeinsam mit Maud Angelica, Leah Isadora und Emma Tallulah Behn, den Töchtern von Prinzessin Märtha Louise. Seine Anwesenheit sorgte in Norwegen für deutliche Kritik.
Was das für das Königshaus bedeutet
Marius Borg Høiby ist der Sohn von Königin Mette-Marit aus einer früheren Beziehung. Er gehört nicht zum norwegischen Königshaus, trägt keinen Titel und nimmt keine offiziellen Aufgaben wahr. Über seine Mutter bleibt er dennoch mit der Familie verbunden – und das Verfahren begleitet das Königshaus seit dem Sommer 2024.
Der Zeitpunkt macht die Lage zusätzlich schwierig. Seit dem Tod Haralds ist Haakon als Haakon VIII. König, Mette-Marit ist Königin, ihre Tochter Ingrid Alexandra ist Kronprinzessin. Mette-Marit selbst hatte im Juni 2026 eine Lungentransplantation und gilt weiter als geschwächt.
Wie hoch kann die Strafe am Ende ausfallen?
Genau das ist der Punkt, der die Neuverhandlung für Høiby riskant macht. Weil das Berufungsgericht auch das Strafmaß neu bewertet, kann die Strafe niedriger, aber ebenso höher ausfallen als die vier Jahre der ersten Instanz. Die Staatsanwaltschaft hatte dort bereits mehr als sieben Jahre gefordert – und nichts hindert sie daran, in der zweiten Runde erneut deutlich über das erste Urteil hinauszugehen.
Bis ein Termin steht, bleibt es bei diesem Zwischenstand: ein Schuldspruch, der vorläufig nicht rechtskräftig ist, eine Untersuchungshaft mit Fußfessel und ein Verfahren, das noch einmal von vorn beginnt. Aus Sicht von Beobachtern in Norwegen dürfte der Fall damit bis weit ins Jahr 2027 hinein ein Thema bleiben. Ein Erfolg im Sinne eines Freispruchs ist mit der Zulassung der Berufung jedenfalls nicht verbunden – nur die Chance darauf.