Weißer Rauch über Hannover

TV-Nachbericht

Eklat beim Vorentscheid für den „ESC“. Der eigentliche Sieger Andreas Kümmert möchte Deutschland nicht vertreten und verpasst der Dramaturgie des Abends einen jähen Knick...

So ein Finale hat Deutschland beim Vorentscheid noch nicht gesehen.

„Eurovision Song Contest 2015 – Unser Song für Österreich“ sendete gestern ab 20:15 Uhr aus Hannover ins Erste. Am Mikrofon wartete Barbara Schöneberger. Sie teilte sich die Bühne mit acht Künstlern aus Deutschland, die eine breite musikalische Palette abdeckten: Mittelalter, Natur, Technik und Moderne fanden auf der Bühne des „ESC“-Vorentscheids unweigerlich zusammen.

So war der deutsche Vorentscheid!

Getragene Balladen in deutscher Sprache, sympathischer Folkrock, andächtige Mondeshymnen und tanzbare Electro-Nummern sind das Fazit der Vorauswahl für den deutschen Vorentscheid. Heute Abend kann sich Deutschland ein Bild von den Anwärtern auf das „ESC“-Ticket nach Wien machen. Neben den Bewerbern für den internationalen Musikwettbewerb werden auch Mark Forster und Stefanie Heinzmann auf der Bühne stehen. Die Show eröffnet keine Geringere als Vorjahressiegerin Conchita Wurst.

Von Beats und der Natur

Als „Emotional, sinneberührend, chillig aber auch groß und episch“, beschreibt das Duo Fahrenhaidt seine Musik. „Wir sind große ‚ESC‘-Fans und finden, dass er sich vor allem in den letzten Jahren zum Positiven gewandelt hat“, sagten die Jungs im Gespräch mit SchlagerPlanet. Auch den Städtern möchten sie durch ihren „Nature-Pop“ die Natur näher bringen – ganz ohne Urlaub an der Nordseeküste. Die Berliner bringen schon einiges an „ESC“-Erfahrung mit: „Wir haben da schon eine Historie. Wir sind als Produzenten schon lange in der Musik unterwegs und waren letztes Jahr zum Beispiel mit den Baseballs dabei – hat leider nicht geklappt.“ Den Titel „Wildfire“, den sie mit der „ESC“-Gewinnerin Emmelie de Forest aufnahmen, werden sie jedoch nicht performen. „Es hat sich nie ergeben, dass wir mit diesem Song auftreten.“ Stattdessen werden sie gemeinsam mit ihrer Sängerin Amanda Pedersen „Frozen Silence“ und „Mother Earth“ zum Besten geben.

Beim „ESC“ auf Bundesebene konnte Laing bereits einen Erfolg verbuchen. Mit „Morgens immer müde“ konnten sie 2012 den zweiten Platz beim „Bundesvision Song Contest“ einfahren. Infolge dessen und eines Werbespots konnte die Frauen-Combo sogar in die Top 10 der deutschen Charts einsteigen. Heute Abend werden sie mit „Zeig deine Muskeln“ und „Wechselt die Beleuchtung“ antreten.

Noize Generation bringt die Beats in die niedersächsische Landeshauptstadt. „Ich habe über die Jahre immer mal wieder eingeschaltet. Ich muss aber gestehen, dass ich bis jetzt kein wirklicher Fan davon war“, gesteht Jewgeni Grischbowski alias Noize Generation gegenüber SchlagerPlanet. Als European Dance Music meets Songwriting bezeichnet er selbst seinen Sound, der auch schon international gefragt war. Sein erinnerungswürdigster „ESC“-Moment entstammt allerdings einer ganz anderen Riege: „Der Auftritt von Lordi ist mir bis jetzt am meisten in Erinnerung geblieben.“

Schon lange wollte Alexa Feser alleine auf ihre ganz große Bühne. Den Weg dorthin erarbeitete sie sich auch mithilfe einiger Engagements als Backgroundsängerin. Mit „Gold von morgen“ schaffte sie den Sprung zur eigenen Tournee und auch zum „ESC“. „Ich will aus Wunden Weisheiten machen“, sagt sie über sich selbst. „Das wird bestimmt ein interessanter und bunter Abend mit tollen Kollegen“, ist sich die gebürtige Wiesbadenerin sicher. Sie tritt mit klaviergetragenen Balladen zum Kampf um das „ESC“-Ticket an: „Glück“ und „Gold von morgen“ sind ihre Titel.

Von Mittelalter und Moderne

„Singer-Songwriter-Country-Folk-Pop. Das heißt stimmhafte, organische, meist akustische Musik, selbstgeschrieben und mit Einflüssen aus Country, Folk und Pop“, sagen Mrs. Greenbird gegenüber SchlagerPlanet selbst über ihre Musik. „Shine Shine Shine“ und „Take my hand“ möchte das Duo, das auch privat eine Einheit ist, performen. „Wir dachten, wir loten einfach einmal die Bandbreite ein wenig aus – wir machen eine Nummer, die schnell ist, die nach vorne geht und danach den ein bisschen intimeren Moment, der auch einfach für uns ist.“

Mittelalterliche Klänge bringen Faun zu „Unser Song für Österreich“, schon lange war dies ein Wunsch der Band gewesen: „Wir hatten schon lange den Wunsch teilzunehmen, weil wir das Gefühl hatten, dass wir so ein bisschen deutsches Kulturgut in diese Veranstaltung hineinbringen können.“ Mit ihrer Teilnahme bewegt sich Band innerhalb des Mainstreams: „Wir spielen die Musik, die wir immer spielen und wenn das dann vom Mainstream gehört wird, ist das doch super. Dadurch können wir ja auch die Szene damit repräsentieren, aus der wir kommen.“ Beim „ESC“-Vorentscheid tritt die Band mit den Titeln „Hörst Du die Trommeln“ und „Abschied“ an, die extra neu arrangiert wurden.

Andreas Kümmert ist vielen als Gewinner von „The Voice“ bekannt. In letzter Zeit war es eher still um ihn. Mit seinem Antritt bei „Unser Song für Österreich“ greift er mit „ehrlicher, handgemachter“ Musik wieder an: „Das war eine recht spontane Entscheidung. ich möchte versuchen, meine Musik auch international bekannter zu machen.“, meinte er gegenüber SchlagerPlanet. Internationale Bekanntheit ist sein Ziel, das er mit den Titeln „Home is in my hands“ und „Heart of Stone“ erreichen möchte.

Mit der Gewinnerin der Wildcard ist das Oktett perfekt: Ann Sophie ist die achte im Bunde, wie sich im Februar beim „ESC“-Clubkonzert herausstellte. Dabei setzte sie sich gegen mehr als 1200 Bewerber durch. Die 24-Jährige wurde in London geboren und absolvierte eine Gesangsausbildung. Zu weiterem musikalischen Erfolg sollen „Jump the gun“ und „White smoke“ führen.

Aus acht mach einen

In der ersten Runde treten die Teilnehmer mit jeweils einem Song an. Im folgenden Schritt wird die Teilnehmerzahl durch ein Telefonvoting halbiert und die glücklichen Vier dürfen einen weiteren Song performen. Im Finale stehen sich letztendlich zwei Kandidaten mit einem ihrer Songs gegenüber.

  • Heute Abend ab 20:15 Uhr im Ersten wird sich klären, welcher der Kandidaten Deutschland in Wien vertreten darf!

So war der Vorentscheid in Hannover

Zur besten Sendezeit und aus Hannover: Der „ESC“-Vorentscheid. In der roten Farbe Österreichs ist die Arena am Expo Plaza ausgeleuchtet – ein Hauch Glamour in der schmucklosen Location. Am Mikrofon ist Barbara Schöneberger. Sie tritt als personifizierte Lakritzschnecke auf komplettiert mit einer kunstvoll getürmten Frisur á la Marge Simpson. Lange Zeit erweckte es den Eindruck als könnte die Moderatorin und Geburtstagskind selbst das Highlight der Sendung sein, bis am Ende klar wurde, worum es eigentlich gehen sollte, als der viel zu eindeutigen Dramaturgie des Abends ein jäher Knick verpasst wurde.

Conchita Wurst, die mehr oder weniger für die rötliche Beleuchtung der Arena, verantwortlich war, präsentierte nochmals ihren Siegersong die Power-Ballade „Rise like a Phoenix“ in einem Kleid mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel. Aber es war der letzte Song, der aus der Vergangenheit erklang, denn fortan gehörte die Bühne den acht „Unser Song für Österreich“-Kandidaten, die eine variantenreiche aber dadurch überraschend höhepunktlose Show präsentierten.

Acht Kandidaten für Österreich

Mrs. Greenbird eröffneten den Abend mit einer zumindest farblich zirkusverdächtigen Nummer: doch so farbig das Outfit, so farblos der Song. Von einem besonderen Glimmen oder irgendeiner Form eines Wiedererkennungswerts war bei „Shine Shine Shine“ nichts zu spüren. Um die „amüsierbereiten“ Zuschauer zu begeistern, folgte Alexa Feser, die gerne mal als weiblicher Herbert Grönemeyer betitelt wird. Ihren Titel „Glück“ präsentierte sie paradoxerweise verkleidet als schwarzer gestürzter Pechvogel. Gaukler und Spielgesellen gab es anschließend bei Faun: die mittelalterliche Beleuchtung stellte die LED-Wände des Studios in den Schatten, jedoch schien der musikalische Funken in der Arena nicht ganz umzuspringen. Mit Noize Generation, der ähnlich wie Harry Potter sein Leben oftmals in einem begehbaren Kleiderschrank ausharren musste, durfte diesmal auch ohne Mutti-Zettel auf die Bühne: Stimmung gut, aber Chancen zum Sieg blieben auch mit Daft-Punk-Verschnitt eher mau.

Laing ESC Vorentscheid
Laing überzeugten mit sportlicher Performance.
©NDR/Willi Weber

Als nächstes war die Pippa Middleton des „ESC“, Ann Sophie an der Reihe: Roter Overall und eine beeindruckende Popo-Choreographie prägten die Performance, die fast etwas an Lena Meyer-Landrut erinnerte. „Scharfe Jungs“ und kühles Blondes wurde nun serviert: Fahrenhaidt mit ihrem „Nature Pop“ umzingelt von Quallen und einer Sängerin Amanda Pedersen im Helene Fischer-„ECHO“-Gedächtnislook. Bereits sie zeigte viel Haut, doch die Frauen-Combo Laing forderte aktiv dazu auf Muskeln zu zeigen: eine sportliche von Spinning-Rädern aufgepeppte Performance, bei der man sich im Nachhinein jedoch auch fragte, ob der Song wirklich dreistimmig und nicht zugleich auch dreitönig vorgetragen wurde. Transparente Kleidchen, Nieten oder auch der Vagabundenlook: Auf all das verzichtete Andreas Kümmert und erschien wie immer in Sweatjacke. Beim Publikum war er trotzdem eindeutig der Favorit.

Fahrenhaidt ESC Vorentscheid
Fahrenhaidt hüllte die Arena in blau.
©NDR/Willi Weber

Alles ganz großartig

Barbara Schöneberger fand natürlich alles ganz „großartig“, zumindest immer, wenn sie sonst nichts zu sagen wusste. Dennoch mussten als nächstes vier Kandidaten das Feld verlassen: Für Mrs. Greenbird, Faun, Noize Generation und Fahrenhaidt war der Abend gelaufen. Im Anschluss zeigte die ARD vorproduzierte Einspieler, die den Weitergekommenen schauspielerisch alles abverlangten. Die überzeugendste schauspielerische Leistung zeigte eindeutig Alexa Feser.

Auf die Bühne musste die gebürtige Wiesbadenerin dennoch nochmal. Sie wandelte sich vom gefallenen Pechvogel zum Goldmariechen und sang „Gold von morgen“. Nun gehörte die Bühne voll und ganz Ann Sophie in Lady Gaga-Schuhen und einem wallenden Arztkittelchen mit Cowboyfransen. „Black Smoke“ war ihre zweite Nummer, die um einiges kraftvoller daherkam als das lauwarme, leicht schräge „Jump the Gun“. Laing sorgten mit „Wechselt die Beleuchtung“ wieder für Aufsehen: Ganz schön heiß muss ihnen gewesen sein, denn jede der Damen hatte eine Leselampe über dem Kopf, die schummriges Licht spendete. Zuletzt war wieder die Sweatjacke an der Reihe. Auch dieses Mal entlockte Andreas Kümmert dem Hannoveraner Publikum den meisten Applaus, der jedoch direkt nach seiner Performance von der Bühne eilte.

Hamburg gegen Schaippach

Nun roch es so langsam nach Finale und es sollte ein Finale der Gegensätze werden: Ann Sophie mit „Black Smoke“ und Andreas Kümmert mit „Heart of Stone“ standen sich letztlich gegenüber. Der Ausgang ein relativ gewisser könnte man meinen – bis die Dramaturgie einen jähen Knick erhielt. Andreas Kümmert setzte sich gegen Ann Sophie durch. Doch kurz nach dem Siegertaumel, ein „Koitus interruptus“ der schlimmsten Sorte, wie es Barbara Schöneberger nannte. Andreas Kümmert möchte nicht antreten und tritt das Ticket an Ann Sophie ab.

Andreas Kümmert will nicht zum „ESC“.

Unverständnis im Publikum. Verwirrung bei Barbara Schöneberger. Fassungslosigkeit bei Ann Sophie, die nun mit „Black Smoke“ im Mai nach Wien fahren wird. Aus der Arena am Hannoveraner EXPO Plaza steigt jedoch weißer Rauch: Wie die Moderatorin verkündet, ist Ann Sophie nun die Gewinnerin: ohne Siegertaumel, ohne die meisten Anrufe – ein vergiftetes Geschenk ohne Rückgaberecht, das Andreas Kümmert ihr da überreichte.